Der andere Blick

Der andere Blick
Fotografien von Gerhard Weber

Im Rahmen des Görlitzer Fotofestivals “Schauplätze” ist die Ausstellung vom 01.09.-10.09.2017 in der Dreifaltigkeitskirche, Obermarkt/Ecke Klosterplatz, Görlitz, Mo bis Sa von 10:00-18:00 und So, feiertags von 11:45-18:00 Uhr für Besucher geöffnet.


Foto und Copyright: Gerhard Weber
Foto und Copyright: Gerhard Weber

„Der andere Blick“, so der Titel der Schau, überrascht in seiner Unmittelbarkeit, im Ausblenden jeglicher Milieuschilderung. Seit zehn Jahren hält Weber mit unterschiedlicher Konsequenz Künstler, Politiker, regionale Prominenz sowie einfache Menschen aus dem Muldenland in Porträts eher klassischen Zuschnitts fest. Dabei spielt er seine Stärke eindringlicher Beobachtung aus. Sie äußert sich in der Fähigkeit, mit schlafwandlerischer Sicherheit und beim richtigen Licht entscheidende Momente zu erfassen, den Porträtierten eher ungeläufige Facetten ihrer Persönlichkeit abzugewinnen. So offenbart schon mal ein Minister, der in der offiziellen Wahrnehmung eher trocken und unpersönlich wirkt, erstaunlich sympathische Züge. Andere, deren Gesichter man gut zu kennen glaubt, geben im Profil ganz neue Nuancen frei. Oft gelingt es Weber, genau den Zeitpunkt zu erfassen, in dem für einen Sekundenbruchteil Wehmut, grenzenlose Erleichterung oder äußerste Ratlosigkeit aufblitzen. Immer wieder trifft der Fotograf einen jener Augenblicke, in denen sich die Porträtierten unbewusst ganz öffnen. Dann entstehen wunderbare Fotos und jenseits von landläufigen Schönheitsvorstellungen scheint realistische Fotografie von großer Tiefe auf. Sie bezieht aus dem direkten Zugriff der Kamera Authentizität und Lebendigkeit. Die Schwarz-Weiß-Formate konzentrieren sich ganz auf das Gesicht, das oft in Überschärfe die Spuren gelebten Lebens spiegelt.

Modelle fand Weber in Grimma, Leisnig, Döbeln, Kössern und Cannewitz. Seine Originale sind oft Menschen, die einer Lebenslinie folgen, die sie an den Rand der Gesellschaft führt, aber ihre Würde bewahren lässt. Altersarmut und eine Perspektivlosigkeit, die nur von Hartz IV aufgefangen wird, sind Themen, denen sich Weber nicht verschließen kann.

Normalerweise nimmt sich der Fotograf viel Zeit, auf Menschen zuzugehen und sie in ihrer Eigenart und in ihrem Umfeld zu begreifen. Das war auch das Erfolgsgeheimnis seiner Colditzer Familienporträts und der Bildfolge der Leute von Erlln, richtungsweisender sozialdokumentarischer Fotografie, die dem diplomierten Fotografiker, Jahrgang 1940, auch international renommierte Preise eintrug. Doch diesmal ist alles anders. Weber gelangen fotografische Momente, Menschen, die er beobachtete und mit jahrzehntelang erworbener Sicherheit ganz im Vertrauen auf den Augenblick bannte. Freilich sind die Fotos, die hier gezeigt werden, nur die Essenz aus einem Konvolut von rund 250 Bildern, die über ein Jahrzehnt ohne jede Einflussnahme und ganz aus der Situation entstanden. Das Teleobjektiv verschafft Weber dabei eine Distanz, die er zu schätzen weiß: Sein Gegenüber bleibt unbefangen. Der Computer ersetzt heute die Arbeit in der Dunkelkammer. Um die Glätte der digitalen Ergebnisse aufzuheben, Tiefe und Spannung zu erzeugen, aktiviert Weber am PC gern die bevorzugte Körnung seiner alten ORWO-Filme. Um seine Aussage zu verdichten, verändert er Bildausschnitte, setzt Weichzeichner oder Härten ein.

Der Fotograf hat von den Vorgängern gelernt, die das Lichtbild im 19. Jahrhundert salonfähig machten. Fürs Erinnerungsfoto musste man seinerzeit geduldig ausharren. Doch die lange Belichtungszeit, so scheint es, löste die Spannung, machte die Menschen eher lebendig. Diese simple Erkenntnis hat sich Weber in seinen bekannten Bildfolgen zunutze gemacht. Bei den eigenwilligen Porträts, die er jetzt vorstellt, genügt seiner Perfektion inzwischen der Bruchteil einer Sekunde für ein starkes Ergebnis.

Text (Auszug): Ingrid Katzmarski-Leps

Biografie

Jahrgang 1940, geboren in Berlin/Kreuzberg
Lebt und arbeitet  als freischaffender Fotografiker (AFIAP) in Grimma.
Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (1967-1971)
1964 gründete er die Grimmaer Fotogruppe
1970 bis 1986 Bildreporter der Leipziger Volkszeitung – Grimma und Wurzen
Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Der Rundblick“ 1965 – 1990
Seit 1986 freischaffender Fotografiker und Fotodesigner
Mitglied im Deutschen Verband für Fotografie

Vielzahl von Personalausstellungen (u. a. Litauen, USA, Polen, Tschechien)  Ausstellungsbeteiligungen im In-und Ausland
Preisträger auf nationalen und internationalen Ausstellungen
Gerhard Weber ist ein Vetreter der „Sozial-dokumentarischen Fotografie“

Fotografische Projekte und Ausstellungen

„Die Leute im Dorf Erlln“ 1983 – 1985
„Colditzer Familienporträts“  1987 – 1990
„WendeZeit Bilder“  1989 – 1990
„Im Land der Mulde“ 1968 -2008
„Lebenszeiten – Mitten im Land“, Landleben nach der Wende 1991 -2011
„WasserZeichen“  Hochwasser 2002 in Grimma
„ZUHAUSE – ganz privat“  Grimmaer Familienbilder, 2009-2010
„Der andere Blick des Fotografen“  2017

Bildbände
Gerhard Weber veröffentlichte 25 Bildbände

Bedeutende Auszeichnungen der letzten Jahre (Auswahl)

1995   Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung
2005   Heimatpreis des Muldentalkreises 2004
2007   Grimmaer Ehrenwappen, 40 Jahre Leiter des Fotovereins in  Grimma
2010   1. Preis „Neue Bilder vom Alter (n)“ (Akademiegruppe)
2011   Ausstellungsbeteiligung „ 175 Jahre Leipziger Fotografie“
Museum der Bildenden Künste Leipzig
2011   Deutscher Fotopreis des  Deutschen Verbandes für Fotografie
2017  100 Bilder des Jahes 2016 – Sonderpreis Kulturbund

Weitere Informationen:
www.Weber-Photodesign.de